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Die Rheinpfalz", August 2002
< Ernstes Spiel mit populären Halbwahrheiten>


Es ist nicht mehr als extrem normale Wartezimmer-Atmosphäre, die den Besucher in der Produzentengalerie Südwestdeutschland in Edesheim empfängt. Es ist nur auf den ersten Blick ein ironischer Remix aus Zwangsläufigkeiten, dieses absichtlich nur fast perfektionierte Ambiente aus einem funktionellen, aber unschönen Kleiderständer, Stühlen passend zum Zeitschriftentisch, der für die vielen Ratgeber viel zu klein scheint, und ansonsten sehr viel Leere.
Die Üblichkeit der Wartezimmer-Version (...) erscheint trotzdem zunächst überhaupt nicht kreiert. Und das ist volle Absicht: Determinismus, der erschaffen wird aus den besten, den richtigsten Ratschlägen für das effektivste, perfekteste Leben, das ist eines der zentralen Themen von Georg Raab. Oder vielmehr dessen Scheinbarkeit.
Die derzeit in der Alten Stanzerei unter dem Titel "Sisyphos im Wartezimmer" ausgestellten Arbeiten des in Karlsruhe geborenen Künstlers spiegeln die Kritik an einer Lebens-Option, die gar keine ist, sehr direkt und teilweise auch sehr selbstironisch wider. Die Alternative, die es nicht gibt, kommt am deutlichsten bei der "Kleiderordnung" zum Ausdruck:
Die 7 mal 24 Fotografien zeigen den Künstler selbst, von 0 bis 23 Uhr, von Montag bis Sonntag, in 7 mal 24 verschiedenen Outfits, 7 mal 24 verschiedenen Gesichtern und 7 mal 24 Möglichkeiten, sich richtig anzuziehen. Nicht inbegriffen die ungefähr tausend Möglichkeiten es falsch zu machen.
Dass das ganze mehr als nur ein Spiel mit Populär-Halbwahrheiten ist, zeigen auch die "100 Frauen in 1 Kleid", ein Projekt, an dem der Wahlkölner noch arbeitet: 37 Frauen hat er bereits fotografiert für seine Serie, die symptomatisch erscheint für das Hauptmotiv des Weldebräu-Kunstpreisträgers von 1999: In seinen Fotos und Texten setzt er sich mit Systematisierung, Ordnung, Schenatisierung und dem Raster-Charakter der Gesellschaft auseinander, das gerade die 100 Frauen gleichfalls zeigen und durchbrechen. Trotz der immer geschlossenen Augen, der immer gleichen location, des immer gleichen Kleids wirken die Bilder individuell, und das obwohl sie absichtlich fliesenartig arrangiert sind. Neben jeder Fotografie eine Nummer und ein Statement, das auf ein Pseudo-Interview à la x-beliebige Frauenzeitschrift zurückgeht und nur eines demonstrieren soll - wie wenig das alles über eine Person aussagt, wie ihr zum Beispiel ein knallorangenes 70er-Jahre-Flohmarktkleid gefällt und ob sie der Meinung ist, dass Männer weniger auf ihr Aussehen achten als Frauen und inwiefern das Sprichwort "Kleider machen Leute" zutreffend sei. (...)

[Eva-Maria Weilemann]