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Dr. Barbara Brähler, Heidelberg

< Das ungelebte Leben >

„Ich setze mit meinen Arbeiten ein Zeichen für die Langsamkeit“  - der Faktor Zeit nimmt in den Arbeiten von Georg Raab einen wichtigen Raum ein. Er integriert diese Dimension in seine Bilder unter dem Aspekt der Langsamkeit und verklammert so seine äußerlich unterschiedlich erscheinenden Werkgruppen.
Das Prinzip Langsamkeit als Zeichen einer ruhig verhaltenen Persönlichkeit zu werten, möge ebenso zutreffen wie eine Tendenz zum Carpe Diem, dem Genießen des Moments, um auf diese Weise der Schnellebigkeit unserer Zeit einen Gegenpol zu bieten. Die Vorbereitung und Entwicklung der Arbeiten benötigt ein gewisses Maß an Zeit und setzt sich in der künstlerischen Umsetzung in zeitaufwendige Techniken fort. Georg Raab liefert einen Ausgleich zu aktuellen Kunsterscheinungen, die - als Ausdruck des Zeitgeists - nicht selten auf schnell und leicht konsumierbare und nicht auf Dauer angesetzte Kunst-Events bauen.
Auch in der Betrachtung der Bilder benötigt der Faktor Zeit einen erheblichen Raum. Wenn man die Bilder analysiert, so folgen sie alle einem ausgeklügelten System, das es zu ermitteln und anhand der Bilder zu erschließen gilt. Auf diese Weise schwingt immer ein spielerisches Moment mit. Die unterschiedlichen Schemata bedingen eine künstlerische Arbeit in Serien bzw. Werkgruppen, die fast zwanghaft durchgespielt werden. Dieser Hintergrund klingt in der Theorie sehr ernst, doch anhand der Bilder wird klar, dass dieser heiter, mit einem gewissen Maß an Ironie und hintergründigem Witz vorgetragen wird.
(…)
Georg Raab entwickelt sein gedankliches Gerüst stets weiter. Hierbei spielen die Begriffspaare Bild/Text, Zeit/Langsamkeit, Irritation/Humor wie auch eine serielle Wiederholung gleicher Komponenten eine durchgängige Rolle. Seinen Hang zur Systematisierung und seinen beharrlichen Wunsch nach Ordnung relativiert er durch einen hintergründigen Humor und durch spielerische Momente, in denen er oftmals dem Prinzip Zufall einen adäquaten Raum gibt. Raabs Rolle als Gesellschaftskritiker beruht auf einer Analyse und intellektuelle Verarbeitung des Zeitgeists. In seiner Kunst, mit der scheinbaren Lebenshilfen und Orientierungsvorschlägen, offenbart sich der Kritiker Raab jedoch als Menschenfreund.

Dr. Barbara Brähler, 2002